Das Leben besteht aus Gegensätzen und Widersprüchen, aus Irrwitz und Wahnsinn. Da kann man doch nicht so tun, als gäbe es nur die eine Wahrheit, als wäre eine saubere Trennung möglich: hier die Guten, da die Bösen. Ich kann nicht nur an das Gute glauben. Ich kann nie nur mit der einen Seite der Medaille leben.“ Jenseits von Gut und Böse zu denken, heißt jenseits von Gut oder Böse zu denken. Das Leben, das Subjekt, die Geschichte lassen sich kaum in ein einziges Narrativ zwängen. Zum Denken gehört der Einspruch gegenüber solchen Reduktionismen, Binarismen und Linearisierungen. Die Realität ist komplex, oft unerträglich, meist inakzeptabel. Wer sie infrage stellen will, muss sie konfrontieren, mit der Bereitschaft sie niemals zu überblicken und vollständig zu kontrollieren. Es gehört zur Inkommensurabilität des Lebens, keinem Lebensmodell zu entsprechen. Das Leben ist anderswo. Es übersteigt meine Hoffnungen und Erwartungen. Es überrascht von hinten. Es ist ereignishaft in diesem Sinn. Denken auf der Höhe dieses Ereignisses impliziert den Mut zu einer Wahrheit, die ihre eigenen Täuschungen generiert. „Gute Menschen reden nie die Wahrheit“, schreibt Nietzsche. Er hätte hinzufügen müssen, „böse Menschen“ auch nicht. Zumindest kann man von ihm lernen, dass Denken mit der Infragestellung dieser einfachen Opposition beginnt, mit der Bereitschaft also, nicht mehr zu wissen und nicht mehr zu verstehen.
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