Georgien 2008

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Genueser Passagen


Geheimnisse des Cimitero Staglieno



Lebensecht bis ins Detail: das Grabmal von Carlo Raggio
Foto: Stephan




- Ich wollte auf keinen Friedhof. Ich war zu oft auf Friedhöfen gewesen, hatte zu viele Beerdigungen erlebt in letzter Zeit. Wenn ich vom Küstenort Bogliasco, wo ich einen Monat in einer Künstlerresidenz verbringen durfte, ins nahe Genua fuhr, dann, um die Museen der Strada Nuova zu besuchen oder um zickzack durch das Labyrinth von Europas größter Altstadt zu laufen, vorbei an äthiopischen Schnellimbissen, Call- Shops und kleinen Läden, wo man mir eine schlichte Versandtasche noch vorsichtig rollte und in Papier einschlug – bis zum alten Hafen, zum berühmten Aquarium, in dessen Halbdunkel ich mit durchgestylten deutschen Kreuzfahrttouristen vor hintersinnig lächelnden Delfinen stand.
Ein Mitstipendiat jedoch, ebenfalls Autor, hat insistiert: ich müsste!, und so fuhr ich an meinem letzten Tag doch zum Cimitero Staglieno, nahm vom Bahnhof Brignole den Bus, der dem Fluss Bisagno folgt. In dessen Bett stapelte sich noch das Treibgut von den Überschwemmungen der Woche davor, die in Ligurien, auch in Genua, mehrere Menschen das Leben gekostet hatten.
Die Glocke kündet vom neuen Bewohner der Totenstadt
Ein milder Novembertag. Vor dem Portal ein Blumenkiosk neben dem anderen und eine gut besuchte Bar. Zahlreiche Leichenwagen, Marke Mercedes, silbrig-kupferfarben, mit landeseigener Variation: ein Fensterband im Heck erlaubt den Blick auf Kränze und Sarg. Einer nach dem anderen bewegt sich im Schritttempo und mit gemessenem Abstand durchs Portal. Eine Glocke kündigt an, dass die Totenstadt einen neuen Bewohner aufnimmt, denn es handelt sich um eine Stadt: mit verschiedenen Vierteln, protestantischen, griechisch-orthodoxen, jüdischen, muslimischen und großzügigen Kolonnaden voller prächtiger Grabmäler für jene, die in der Innenstadt ihre Paläste in der Strada Nuova, der heutigen Via Garibaldi, oder der Via Balbi errichtet hatten. Die Nekropole genießt eine Weiträumigkeit, die man sonst an dieser Küste nicht kennt, wo die Häuser sich auf einem schmalen Streifen aneinanderdrängen und selbst in einem wohlhabenden Vorort wie Bogliasco beinahe überall der Lärm von Schnellstraße oder Bahnlinie zu hören ist. Nichts von dem in Staglieno. Dafür das wahrscheinlich größte Freilichtmuseum für Skulpturen des 19. Jahrhunderts – vom Klassizismus über Realismus bis Jugendstil –, in dem man fast allein unterwegs ist und an drei Tagen nicht in alle Bereiche gelangt. Mark Twain, der sich auf seiner ersten Europareise in Genua aufhielt, berichtet: „Mein letzter Besuch war dem Friedhof bestimmt . . . An diesen Ort werde ich mich erinnern, wenn ich die Paläste vergessen habe.“
Twain besuchte den Cimitero Staglieno im Jahr 1869, keine zwanzig Jahre nach der Eröffnung, als die Statuen, die beinahe jedes der Grabmäler aus jener Zeit schmücken, noch „neu und schneeweiß“ waren, „voller Anmut und Schönheit“. Heute bemerkt man überall die Spuren der Zeit. Die Stadt kommt nicht nach mit Bestandssicherung und Restaurierung, zahlreiche Areale sind dem Verfall preisgegeben.