Geheimnisse des Cimitero
Staglieno
Lebensecht
bis ins Detail: das Grabmal von Carlo Raggio
Foto: Stephan
- Ich wollte auf keinen
Friedhof. Ich war zu oft auf Friedhöfen gewesen, hatte zu viele Beerdigungen
erlebt in letzter Zeit. Wenn ich vom Küstenort Bogliasco, wo ich einen Monat in
einer Künstlerresidenz verbringen durfte, ins nahe Genua fuhr, dann, um die Museen der Strada Nuova
zu besuchen oder um zickzack durch das Labyrinth von Europas größter Altstadt
zu laufen, vorbei an äthiopischen Schnellimbissen, Call- Shops und kleinen
Läden, wo man mir eine schlichte Versandtasche noch vorsichtig rollte und in
Papier einschlug – bis zum alten Hafen, zum berühmten Aquarium, in dessen
Halbdunkel ich mit durchgestylten deutschen Kreuzfahrttouristen vor
hintersinnig lächelnden Delfinen stand.
Ein Mitstipendiat jedoch,
ebenfalls Autor, hat insistiert: ich müsste!, und so fuhr ich an meinem letzten
Tag doch zum Cimitero Staglieno, nahm vom Bahnhof Brignole den Bus, der dem
Fluss Bisagno folgt. In dessen Bett stapelte sich noch das Treibgut von den
Überschwemmungen der Woche davor, die in Ligurien, auch in Genua, mehrere
Menschen das Leben gekostet hatten.
Die
Glocke kündet vom neuen Bewohner der Totenstadt
Ein milder Novembertag. Vor
dem Portal ein Blumenkiosk neben dem anderen und eine gut besuchte Bar.
Zahlreiche Leichenwagen, Marke Mercedes, silbrig-kupferfarben, mit landeseigener
Variation: ein Fensterband im Heck erlaubt den Blick auf Kränze und Sarg. Einer
nach dem anderen bewegt sich im Schritttempo und mit gemessenem Abstand durchs
Portal. Eine Glocke kündigt an, dass die Totenstadt einen neuen Bewohner
aufnimmt, denn es handelt sich um eine Stadt: mit verschiedenen Vierteln,
protestantischen, griechisch-orthodoxen, jüdischen, muslimischen und
großzügigen Kolonnaden voller prächtiger Grabmäler für jene, die in der
Innenstadt ihre Paläste in der Strada Nuova, der heutigen Via Garibaldi, oder
der Via Balbi errichtet hatten. Die Nekropole genießt eine Weiträumigkeit, die
man sonst an dieser Küste nicht kennt, wo die Häuser sich auf einem schmalen
Streifen aneinanderdrängen und selbst in einem wohlhabenden Vorort wie
Bogliasco beinahe überall der Lärm von Schnellstraße oder Bahnlinie zu hören
ist. Nichts von dem in Staglieno. Dafür das wahrscheinlich größte
Freilichtmuseum für Skulpturen des 19. Jahrhunderts – vom Klassizismus über
Realismus bis Jugendstil –, in dem man fast allein unterwegs ist und an drei
Tagen nicht in alle Bereiche gelangt. Mark Twain, der sich auf seiner ersten
Europareise in Genua aufhielt, berichtet: „Mein letzter Besuch war dem Friedhof
bestimmt . . . An diesen Ort werde ich mich erinnern, wenn ich die Paläste
vergessen habe.“
Twain besuchte den Cimitero
Staglieno im Jahr 1869, keine zwanzig Jahre nach der Eröffnung, als die
Statuen, die beinahe jedes der Grabmäler aus jener Zeit schmücken, noch „neu
und schneeweiß“ waren, „voller Anmut und Schönheit“. Heute bemerkt man überall
die Spuren der Zeit. Die Stadt kommt nicht nach mit Bestandssicherung und
Restaurierung, zahlreiche Areale sind dem Verfall preisgegeben.
