Georgien 2008

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a c. di c.a. - poeta contemporaneo preferito - (De-It)







ph: TroveRete, Domus aurea neroniana, sala della sfinge





in vista della sua prossima visita al nostro Sud per una sua lettura pubblica a cui è invitato da Luciana De Palma, qui un assaggino, spero gustoso, dalle sue molte pubblicazioni.



NORBERT HUMMELT a.c. di chiara adezati










*

Ein kurzes Kommentar zu dem Gedicht KUNFTTAG II (da lettera privata)



ph: salsel, Draghi tosti da Asti







Ein kurzes Kommentar zu dem Gedicht KUNFTTAG II




[...] ich habe nur einige Aufsätze zu George geschrieben und Radiosendungen zu seinem Werk gemacht. Vor allem aber ist er für mich einer der Dichter, die für meine eigene Arbeit als Lyriker wichtig sind.

Das ganze Gedicht hat ja diesen Bezug zum Advent, zum Warten auf den Erlöser, und von diesem für lange Zeit unerfüllten Warten ist "das dumpfe volk" so müde und enttäuscht wie der Sprecher, der sich ab der 7. Zeile einschaltet und davon spricht, wie auch er die Hoffnung schon aufgegeben hatte.
Zum dritten mal "trog" er sich, also täuschte sich, und dies in verschiedenen Lebensaltern: Weil er "als kind sein bild (also das des Erlösers) nicht fand", weil er als Jüngling "sehnend brach" (= ihm brach die Brust, das Herz, die Hoffnung) und nun, da er einer ist, "der heut die mitte tritt", also in der Mitte des Lebens steht (so wie George sich nach 1900 fühlte), ist er "satt noch zu vertraun", das bedeutet, er ist es satt, er ist es leid, noch auf eine Hoffnung zu vertrauen, die ihn schon zweimal getrogen hat, er glaubt nicht mehr an den Erlöser.
Das ist also der Tiefpunkt seines religiösen Sehnens, dem dann in "Kunfttag III" doch wieder die neue Frühlingszeit folgt, der Lenz, der die Begegnung mit Maximin schenkt.





Un breve commento alla poesia Giorno d'arrivo II




[...] scrissi solo alcuni testi su George e interviste alle radio. Soprattutto però egli è uno dei poeti che assume importanza per il mio personale lavoro di lirico.

L'intera poesia ha questo riferimento all'avvento, all'attesa del salvatore, e per questa - a lungo disattesa - attesa, il "popolo ottuso" stanco e deluso come chi parla, che si innesta dal settimo verso e ne parla, e di come anche egli avesse già rinunziato alla speranza.
Per la terza volta si ingannò, si sbagliò, e in diverse età della vita: da bambino non trovò l'immagine di Lui, il salvatore; da giovane si "spezzò nell'anelare" il petto, il cuore, la speranza; ed ora, uno che oggi sta nella metà della sua vita, (come si sentiva George dopo il 1900), ne ha abbastanza, gli duole affidarsi ancora a una speranza, che gli sfuggì due volte, egli non crede più nel salvatore.
Questo quindi è il punto nel quale tocca il fondo delle sue ansie religiose, cui tuttavia in Giorno d'arrivo III segue la primavera nuova, che gli dona l'incontro con Maximin.




(da una sua lettera privata a me, del 2012)





Geführt vom sang der leis sich schlang ∙ [..] - dal quotidiano tedesco svizzero anni orsono








Geführt vom sang der leis sich schlang
Dir ward er leicht der ufergang.
Ich sah der höhen dichten rauch
Verjährtes laub und distelstrauch.

Dein auge schweift schon träumerisch
Auf eine erde gabenfrisch
Denn dein gedanke flattert fort
Voraus zu einem sichern hort.

Ich frage noch: wer kommt wenn sanft
Die gelbe primel nickt am ranft
Und sich das wasser grün umschilft
Der mir den mai beginnen hilft?



Im Frühjahr 2012, Ende Februar, als ich in einem Winkel der Schweiz in der Nähe der Grenze zu Frankreich den fernen Mont Blanc sah und es anderntags zu tauen begann, wurde ich auf einem Spaziergang erstmals auf eine gelbe Primel hingewiesen, die am Ufer eines kleinen, vom Schmelzwasser belebten Baches eben aufgebrochen war. Ich hatte nie zuvor eine gelbe Primel bewusst angesehen. Sie wuchs da, mehre Handbreit von mir entfernt. Für mich war die Primel bis dahin eine Blume in einem Gedicht von Stefan George, die ich immer genau vor mir sah, und doch konnte ich nun nicht sagen, inwiefern ihr Bild der wirklichen Blume am Ufer glich. Im Gedicht war sie womöglich plastischer als in der Begegnung, vielleicht, weil sie dort etwas ganz Einfaches tut, das wohl zu einer Pflanze gehört, die vom Wind bewegt wird, das aber auch Menschen tun können – nicken nämlich, vielleicht mir zunicken. Es war noch Winter und lange vor der Zeit, in der sich das Wasser grün umschilft und der Mai die Frage drängend macht, ob man allein ist oder nicht.

Das Gedicht Geführt vom sang, in dem die gelbe Primel nickt, steht in den Traurigen Tänzen im Jahr der Seele und ist mir seit langem eines der schönsten und liebsten Gedichte Stefan Georges, weil ich mich darin aufgehoben fühle, Vers für Vers, und man muss weiter gar nichts dazu sagen, sondern kann es immer wieder lesen, still für sich, oder es laut lesen und anderen mitteilen, hersagen, wie man das im George-Kreis nannte und tat. Lasse ich mich aber darauf ein, darüber zu sprechen, dann ist die Grenze schwer zu ziehen, weil ich nicht nur meine Sicht Georges, sondern eine ganze Poetik daran aufhängen könnte. Schon der erste Vers gibt ja ein Rätsel auf: von welcher Art der Sang sein mag, der hier, sich leise schlingend, ein Ich und ein Du auf einer Wanderung begleitet. Bleiben wir aber erst einmal empirisch. Wie viele andere Gedichte der 1890er Jahre lässt sich dieses Gedicht entstehungsgeschichtlich der Freundschaft Stefan Georges zu Ida Coblenz zuordnen. Wenn man die Binger Gegend kennt, fällt es nicht schwer, sich die beiden vorzustellen, wie sie am Ufer der Nahe gehen, zuerst die Drususbrücke noch im Blick, und dann auf schmalen, nicht ganz ausgetretenen Pfaden in die Höhe steigen, während es noch ganz früh im Jahr ist, vermutlich Februar: das verjährte, vom Wind nicht abgerissene Laub hängt noch in den Zweigen, Knospen oder Kätzchen sind noch nicht zu sehen, nicht einmal „Die einzigen frühen / Die hasel blühen“, wie in einem der Lieder des Siebenten Rings der Beginn des frühen Frühjahrs bestimmt wird. Alles, was der Frühling bringen wird, ist Sache des Glaubens, dass es wieder so sein wird, dem tristen Augenschein zum Trotz. Und hier tut sich der Riss auf zwischen dem Ich und dem Du: dem einen ist die Zuversicht und das Vorausdenken ein Leichtes, der andere hängt an den düsteren Bildern des Tages und ist nicht imstande, sie imaginär zu überschreiten. Es liegt ja dichter Rauch auf den Höhen; keinmal kommt an diesem Tag die Sonne durch. Es ist eine Wand da, die auch durch das vertraute Gespräch nicht beseitigt werden kann. Eine Wand, wie sie in Marlen Haushofers gleichnamigem Roman die Isolation des Subjekts total macht, die umso schmerzlicher ist, weil die umgebende Natur so schön ist, dass sie den Wunsch nährt, in ihr nicht allein zu sein. Man möchte sie dem andern zeigen, weil dem Erlebnis sonst der Sinn fehlt. Mit einem anderen Menschen durch die Natur zu gehen, besonders einem, den man liebt, gehört ja zu den beglückendsten und gefährlichsten Erfahrungen überhaupt. Es ist immer eine Erinnerung an das Paradies und wie man daraus vertrieben werden kann. Wenn beide eines Sinnes sind, ist der Ufergang leicht, ist der kahle Distelstrauch schon vor der Zeit vom vorgestellten Blühen überwuchert, dann ist es, als sehe man Baum und Blume mit den Augen des andern. Liegt aber eine Störung vor, wird einer von innen überschattet, gibt es keinen Baum, keine Blume mehr – die Welt zerbricht, weil sie nicht geteilt werden kann.

Von einer solchen gefährlichen Erfahrung erzählt ein oft zitierter Bericht von Sabine Lepsius über einen Gang mit Stefan George. „Wir unternahmen zu zweien einen Spaziergang auf den Herrgottsberg. Die Gespräche sind meiner Erinnerung völlig entfallen, weil ein anderer stärkerer Eindruck als Worte mich packte, der unvergessen blieb: ich hatte Stefan George noch niemals in der Natur erlebt, in der ich nun in völliger Einsamkeit mit ihm wandelte. Eine plötzliche, unheimliche, ich möchte fast sagen böse Wirkung ging von ihm aus, die ihn mich als unmenschlich empfinden ließ. Müdigkeit vorschützend drängte ich zum Rückweg, weil Furcht mich erregte und von ihm forttrieb. Er gehörte nicht zu dieser idyllischen Natur. Der gelbe Ginster, der in Blüte stand und einen Hügel wie vergoldet erscheinen ließ, entzückte mich und ich sah fragend nach dem Freunde, der unbekümmert um die Herrlichkeit des Sommers, wie ein gefährlicher Dämon neben mir herging. Für ihn gab es kein Idyll. Ich hörte nicht den Aufschrei des Städters, wenn er die Mauern hinter sich läßt, in seinem Herzen: im Hornungschein geboren, mochten grausame Mächte in seinem Innern hausen.“

Diese Schilderung sagt viel über Stefan George, aber auch über Sabine Lepsius. Zunächst ist erstaunlich, dass sie den Geburtstag des Dichters, den sie doch gut kannte, vom Juni in den Februar verlegt, der mit dem germanischen Wort Hornung hieß – die Schlussverse aus dem Gedicht Die Fremde aus dem Teppich des Lebens werden zu dieser Verwechslung den Anlass gegeben haben: „Sie liess das knäblein nur als pfand / So schwarz wie nacht so bleich wie lein / Das sie gebar im hornungschein.“ Schwarz und bleich wie dieses von der Mutter verlassene Kind, aber eben auch wie ein Vampir, mag ihr George in der Stunde erschienen sein, da sie in unüberbrückbarer Distanz den Spaziergang auf den bei Darmstadt gelegenen Herrgottsberg unternahmen. Ganz deutlich ist, dass Sabine Lepsius zu den „grausamen Mächten“ im Innern des Freundes keinen Zugang hatte. Der Dämon der Melancholie war ihr fremd und diese Fremdheit ängstigte sie. Heute würden wir sagen: Sie kannte eben selber keine Depressionen. So zog sie aus dem Erlebnis falsche Schlüsse, indem sie in der melancholischen Verdüsterung eine generelle Naturferne des Dichters wahrzunehmen dachte.

Stefan Georges Verhältnis zur Natur war nun gewiss kein „idyllisches“, eine aus grauer Städte Mauern schwärmende Neoromantik, wie sie bei Lepsius anklingt, ging weit an ihm vorbei. Und doch ist sein Werk von Bildern der Natur, besonders der Pflanzenwelt, durchzogen, sein ganz bildhaftes Verhältnis zur Landschaft seiner Kindheit, den schilfbewachsenen Uferzonen der Nahe und des Rheins, zu den in der Sonne dorrenden Weinbergen, der Arbeit der Winzer und den Erscheinungen des Jahreslaufs ist für sein Schreiben elementar. Das zeigt immer aufs Neue die anschauliche Kraft seiner Bilder, durch bloße Nennung oder in der einfachsten Form der Charakterisierung, durch Adjektiv und Verb – die gelbe Primel nickt am Ranft, so dass man sie sehen und anfassen kann. In Georges Bildern wirkt, bei aller Stilisierung, der er seine Verse unterwarf, eine Unmittelbarkeit ersten Sehens fort, ein Urzustand, der sich dem Sehen des Kindes verdankt und der im späteren Leben nur augenblickshaft wieder eingeholt werden kann: „Von welchen wundern lacht die morgen-erde / Als wär ihr erster tag? Erstauntes singen / Von neuerwachten welten trägt der wind / Verändert sieht der alten berge form / Und wie im kindheit-garten schaukeln blüten ..“ lautet eine Epiphanie aus dem Stern des Bundes.

Das Glücken solcher Epiphanien ist in Georges Dichtung an die Gegenwart eines geliebten Menschen gebunden; dem Einsamen gelingt es nicht. Im Jahr der Seele, Georges nicht nur bekanntestem, sondern auch melancholischstem Gedichtbuch, ist solches Gelingen nur im Zyklus Sieg des Sommers zu besichtigen; die übrigen Zyklen sind getragen von der großen Vergeblichkeit, wenn es auch immer wieder Momente des Durchbruchs zur Weltaneignung durch das überraschende, primäre Bild gibt, wie in den Versen vom totgesagten Park: Der reinen wolken unverhofftes blau / Erhellt die weiher und die bunten pfade. Aber dann breitet sich ein Klangteppich der Trauer aus, während die Erscheinungen erst der herbstlichen, dann der winterlichen Natur, zu strengen Versgruppen geordnet, vor dem inneren Auge defilieren. Gebrochen durch den zersplitterten Spiegel der melancholischen Erkenntnis, die die Welt nur hinter der großen Trennwand wahrnehmen kann, klinisch eben. Wer aber jeweils der Träger der Depression ist und wer neben ihm als Helfer und Tröster ersehnt oder auch vermisst wird, das ist zwischen dem Ich und Du dieser Gedichte im Fluss. So liegt in dem Gedicht Ich lehre dich den sanften reiz des zimmers aus der Reihe Waller im Schnee, das einmal kein Natur-, sondern ein Interieurgedicht ist, die Betrübnis auf Seiten des Du und der Sprecher möchte diesen traurigen Menschen an die Hand nehmen, aber vergebens: „So oft ich zagend mich zum vorhang kehre: / Du sitzest noch wie anfangs in gedanken / Dein auge hängt noch immer an der leere / Dein schatten kreuzt des teppichs selbe ranken.“ Hier geht der Versuch des Zeigens fehl, weil alles gute Reden dem anderen kein Licht entzünden kann.

Das ist die Stimmung, die in den Traurigen Tänzen in immer neuen Figuration vorgeführt wird. In Geführt vom sang sind die oben benannten Rollen vertauscht. Auf dem gemeinsam begonnenen Ufergang schreitet das Du kräftig aus und wiegt sich bereits im Hochgefühl der kommenden schönen Jahreszeit, die Blüten und später Früchte bringen wird, aber das Ich kommt mit Denken, Sehen und Fühlen einfach nicht hinterher. Der ungleiche Gang der beiden Wandernden in den ersten beiden Strophen führt in wachsende Distanz und mündet in die große Frage der dritten Strophe, die im gefasst geäußerten Schrecken die Leere, die sich vor dem Sprecher auftut, überblickt: „Ich frage noch: wer kommt wenn sanft / Die gelbe primel nicht am ranft / Und sich das wasser grün umschilft / Der mir den mai beginnen hilft?“

Es war noch Februar, aber der Dichter hat in den Bildern dieser Strophe wie im Zeitraffer die kommenden Wochen des Jahrs der Seele nach dem Ende des Winters überflogen, so auch meiner; und ich dachte an das, was Georg Lukács vor hundert Jahren über George schrieb: „Seine Landschaften sind nirgends vorhanden, und doch ist jeder Baum und jede Blume konkret in ihnen, und ihr Himmel leuchtet in den einzigen, nie wieder­kommenden Farben einer ganz bestimmten Stunde. Wir kennen den Menschen nicht, der durch die Ge­gend geht, sehen doch in einem Augenblick wohl tausend winzige Schwingungen in seinem innersten Wesen, um ihn gleich darauf nicht mehr und dann nie mehr zu sehen; wir wissen nicht, wen er lieb hat, wissen nicht, warum er leidet und warum er plötzlich aufjauchzt, und doch erkennen wir ihn besser in diesem Augenblick, als wenn wir alles wüssten, was er erlebt hat.“

Stefan George hat bekanntlich die geplante Widmung des Jahrs der Seele an Ida Coblenz zurückgezogen. In der Vorrede zur zweiten Ausgabe sucht er die Spuren einer gemeinsam verbrachten Zeit zu verwischen, die doch ganz deutlich seinem Buch eingeschrieben sind. Man solle sich doch nicht, so lesen wir, „unweise an das menschliche oder landschaftliche urbild“ hinter den Gedichten kehren, denn dieses habe „durch die kunst solche umformung erfahren dass es dem schöpfer selber unbedeutend wurde“, und er schließt: „selten sind sosehr wie in diesem buch ich und du die selbe seele.“ Im Versuch der rhetorischen Auslöschung klingt aber die utopische Sehnsucht fort, mit dem anderen seelisch zu verschmelzen, eines Sinnes zu sein. Das anrührendste, im Auspendeln seelischer Nuancen vielsagendste Wort der dritten Strophe ist dabei das unscheinbare noch. Es ist ja wie dem Andern nachgerufen, der es kaum noch hört, weil er schon so weit voraus ist, so dass die Frage ganz beim Frager bleibt, der Hall der Stimme nicht mehr bis zum Andern trägt, sondern geschluckt wird vom eigenen Atem. Hier aber kehrt das Gedicht an seinen Ausgang zurück, der so schön wie rätselhaft erschien: geführt vom Sang, der wohl zuerst das Gespräch war oder ein Lied, der Ruf eines Vogels oder das Rauschen von Fluss oder Wind, nun aber der Klang der eigenen Stimme ist, kann der Gang zum Ufer angetreten werden, mit dem Gedicht als dem einzigen Freund.

Auf instruktive Weise hat Gottfried Benn, der es in seiner „Rede auf Stefan George“ zitiert, dieses Gedicht falsch verstanden. Er  schreibt: „Von Walther von der Vogelweide bis zur Barocklyrik könnten solche Schlussverse stehen. ( ...) Fast einfältige Reime grenzen das Ich an seinem sichern Hort ab.“ An seinem sichern Hort ist hier aber nicht „das sich umgrenzende Ich“, sondern das ihm enteilende Du angelangt, während das Ich mit seiner Frage allein bleibt. Solche grundlegenden Dispositionen konnten einem Benn, bei dem das Du fast durchweg eine Figur der Selbstansprache ist, einmal verrutschen; einem George jedoch nicht, für den das Du immer ein echtes Gegenüber meint, zu dem die Brücke entweder bestehen oder einbrechen kann – in den erzieherischen Gedichten der späteren Zeit hat er sie mit Willen und manchmal mit Gewalt zu betonieren versucht. Das ist oft bemerkt worden, nimmt aber nichts weg vom bestürzend schönen Kern seines Werkes, der auf dem schwindlig schmalen Grat zwischen dem geteilten Glück und dem Absturz in die radikal vereinzelnde Melancholie gebaut ist.











N H su S G in radio, (deutschlandfunkkultur - lyriker)





ph: salsel, Francesco Cento, scultura in legno (particolare)



Ein kurzes Kommentar zu dem Gedicht KUNFTTAG II


[...] ich habe nur einige Aufsätze zu George geschrieben und Radiosendungen zu seinem Werk gemacht. Vor allem aber ist er für mich einer der Dichter, die für meine eigene Arbeit als Lyriker wichtig sind.

Das ganze Gedicht hat ja diesen Bezug zum Advent, zum Warten auf den Erlöser, und von diesem für lange Zeit unerfüllten Warten ist "das dumpfe volk" so müde und enttäuscht wie der Sprecher, der sich ab der 7. Zeile einschaltet und davon spricht, wie auch er die Hoffnung schon aufgegeben hatte.
Zum dritten mal "trog" er sich, also täuschte sich, und dies in verschiedenen Lebensaltern: Weil er "als kind sein bild (also das des Erlösers) nicht fand", weil er als Jüngling "sehnend brach" (= ihm brach die Brust, das Herz, die Hoffnung) und nun, da er einer ist, "der heut die mitte tritt", also in der Mitte des Lebens steht (so wie George sich nach 1900 fühlte), ist er "satt noch zu vertraun", das bedeutet, er ist es satt, er ist es leid, noch auf eine Hoffnung zu vertrauen, die ihn schon zweimal getrogen hat, er glaubt nicht mehr an den Erlöser.
Das ist also der Tiefpunkt seines religiösen Sehnens, dem dann in "Kunfttag III" doch wieder die neue Frühlingszeit folgt, der Lenz, der die Begegnung mit Maximin schenkt.

(Ausschnitt aus einem Brief an C. Adezati, 2012)


Un breve commento alla poesia Giorno d'arrivo II


[...] scrissi solo alcuni testi su George e interviste alle radio. Soprattutto però egli è uno dei poeti che assume importanza per il mio personale lavoro di lirico.

L'intera poesia ha questo riferimento all'avvento, all'attesa del salvatore, e per questa - a lungo disattesa - attesa, il "popolo ottuso" stanco e deluso come chi parla, che si innesta dal settimo verso e ne parla, e di come anche egli avesse già rinunziato alla speranza.
Per la terza volta si ingannò, si sbagliò, e in diverse età della vita: da bambino non trovò l'immagine di Lui, il salvatore; da giovane si "spezzò nell'anelare" il petto, il cuore, la speranza; ed ora, uno che oggi sta nella metà della sua vita, (come si sentiva George dopo il 1900), ne ha abbastanza, gli duole affidarsi ancora a una speranza, che gli sfuggì due volte, egli non crede più nel salvatore.
Questo quindi è il punto nel quale tocca il fondo delle sue ansie religiose, cui tuttavia in Giorno d'arrivo III segue la primavera nuova, che gli dona l'incontro con Maximin.


vers Chiara Adezati
(da una sua lettera privata a me, nel 2012)


*



in radio in tedesco un altro commento di N.H. su S.G.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/lyriker-ueber-stefan-george-der-dichter-ist-wie-jener.974.de.html?dram%3Aarticle_id=422360&fbclid=IwAR0eg7E_XjGzHe-zbL0A81h5Cje_SgL9eG7lfAu-x-j7TVducaCq4DiDwk0






*

Là come qua. Due da L'ora di Pan ( vengono / cartolina postale da campo )


ph: TroveRete, Coppetta in mosaico di vetro IV-II sec. a.C









vengono


solo uno scricchiolìo di una cinghia mi spaventò
assai. i rondoni ritornati prima del solito
dal viaggio. non può essere, solo se il frassino

in cortile rinverdisce, ricadono dal sud ..
che sarà, quando ci sono davvero, se già
l'illusione mi colpisce così. avvertirò le grida

come aghi, se tu quel giorno non mi sei
benevola. che devo fare allora della mia vita.
camminiamo sotto il cielo azzurro, ma mi mostri

nero il volto. che sarà quando vengono
in scure schiere, al di sopra del muro precipiti
e cacciano, portano l'estate sotto le ali, che

sarà quel giorno di noi due. e sì vengono
e cacciano e precipiti, ad accorciarmi la vita
di un'estate che stormisce e trapassa nelle loro grida.


*

cartolina postale da campo


la cartolina mostra il duomo di berlino, visto da
ponte castello, fotografo non nominato. venerdì
cinque novembre '43, poco prima della partenza del nostro treno

ti voglio spedire veloce ancora un saluto. abbiamo visto
berlino oggi, quel che c'è da vedere. sono pieno
di sofferenza. ho sognato stanotte che mi facessi morire.

pensatemi e speditemi lettere. formaggi, salumi e
quantaltro. la torta l'ho mangiata subito.
sono qui in una ricevitoria notizie. si può

ascoltare la radio nella stanza. comando la ricetrasmittente
e l'apparecchio da campo d2. mamma, ora devo chiudere.
non senza salutare con affetto la nonna. con lei vado

a bere al caffè heinemann a dùsseldorf e così
le racconto dei tartari in crimea. perfavore, mamma, scrivimi
lettere, apparimi ancora una volta in sogno.

mamma, ora proprio devo concludere. rimango
fedele e forte .. normale scrittura manuale, scritto
a matita. timbro postale del giorno seguente.

























*

der erste schnee / la prima neve






Ph: Hans Scheib, Holzskulptur









der erste schnee


du sagst du wußtest schon wie du zum fenster 
gingst es ist die amsel die uns da beäugt 
so tief wie du in meinen armen liegst hielt sie
sich fliegend an sich selber fest jetzt sitzt sie 
stumm wo in der dunkeln gabelung noch eine 
spur von etwas weißem blieb das ist bestimmt
erst über nacht gekommen u. stäubt herab 
wenn sie den zweig verläßt du sagst im schlaf 
hast du den ersten schnee gerochen doch
was uns trennte ist noch nicht besprochen 
sind denn die vogelbeeren noch nicht bald 
erfroren ich sah sie leuchten eben im geäst.




la prima neve

tu dici che sapevi già come alla finestra
andavi, fosse il merlo ci occhieggiava
profondo come tu nelle mie braccia
si teneva stretto a sè stesso in volo
siede ora muto su biforcazione
scura, con traccia bianca che sicuro
stanotte venne e ora polverizza
al suo lasciare il ramo tu dici nel sonno
aver annusato la prima neve
ma quel che ci divise non è detto
ancora non gelarono le bacche
le vidi or ora in rami luccicare.





















*

Norbert Hummelt, Zeichen im Schnee

der turmfalk


am fenster, schnurlos, da am telefon ich für
den bruchteil erst nur deine stimme höre, seh
ich im rankenwerk dort auf der mauerkrone 
bis dato unbekannten, etwa taubengroßen
nein etwas größer, glaub ich, fremden vogel
sitzen .. ich würde mal sagen, oben rotbraun
mit aschgrauem schwanz, dessen endbinde
schwarz ist .. das ist der turmfalk, vorher nie
gesehen, wenn ich dem fernglas hier u. dem
bestimmbuch traue, dem ich ins gelb umflorte
dunkle auge schaue .. scheint so er hat eine beute
geschlagen u. weidet sich an dem erlegten tier
u. äugt nach jedem bissen wie zu mir herüber als
ob er ahnen kann, was ich ihn fragen möchte: ist
sie das, die vielzitierte feier der natur? dann wird
es gut sein, wenn ich sie nicht störe .. die leitung
knackt, ich habe nichts vernommen, ob du noch da
bist, rede doch mit mir .. der falke fliegt, er wird
nicht wiederkommen, nur ich am fenster, ich am
telefon, bin schnurlos noch für einen bruchteil hier

Deutsche Dichter (Isolati in Italia)

Pans Stunde bricht während der schwülen sommerlichen Mittagsstille an. Dann ruht der bocksbeinige Gott, und wer ihn stört, den versetzt er in Angst und »panischen« Schrecken.




pans stunde 

da wir nah am getränkemarkt hielten u. mir der ort 
wenig anmutig schien kam mir das wort wieder neu
in den sinn: hier möchte ich auch nicht abgemalt sein.

wir zogen los ein stück querfeldein du mit der kamera
über der schulter hieltest am waldrand um scharf zu
stellen ich sah deine lichtempfindliche haut als sich

der weg durch die bäume wand ehe wir dachten senkte
sich das land unten lag der kossenblatter see u. warf
das mittaglicht das auf ihn traf zurück. ich wies darauf

u. suchte deinen blick wir übten uns in der alten kunst
die dinge um uns wie neu zu benennen am steg der reiher
hielt lang genug still der bussard war über uns unter dem

himmel wir gingen zügig ohne zu halten bestimmten
beide den zitronenfalter u. eine stunde lang war eine
stunde da wo weder du noch ich vorher gewesen war.

mohn

vorhin war fulda. das fahle licht der deckenleuchten 
des großraumwagens spiegelt sich ständig vor mir
im fenster. du schreibst bei dir ist es bedeckt u. kühl

mein herzklopfen stört mich das trübe gefühl schon
auf der hinfahrt flog es mich an draußen die wiesen
viel wald u. die wolken was ich auch sehe es tut mir

nicht gut die alte drangsal in meinem blut. vorgestern
war das wogende grün u. wind im hof wie sich der
baum bewegte ich hörte die warnenden rufe der elster

sie flog mir nach aus einem andern leben da war ein
baum im hof doch eines morgens licht u. eine stimme
von weit her spricht: kassel liegt hinter uns. noch immer

sind es gut zweieinhalb stunden unruhig bin ich u.
älter als du u. rase reglos auf göttingen zu u. sehe
die böschungen rot vor mohn u. kann meine haltlos

rinnende zeit keinem der ziehenden bilder versprechen.
das u. die unerträgliche frist bis du mich nach dem streit
wieder küßt läßt mich bis hildesheim sicher zerbrechen.

monolog

nacht ist es. drüben huschen die schatten, wir liegen wach. 
woher diese innere unruhe stammt, weiß man nicht, oder?
ist es das sonnenlicht mitten im winter, das uns irgendwie

fertig macht? fängt jetzt das herzklopfen wieder an? hörst
du denn noch meine armbanduhr ticken? worüber denkst du
im dunkeln nach? einmal, ich wohnte noch nicht in berlin,

sah ich riesige schwärme krähen über der stadt am himmel
ziehen. ich ging allein durch die leere mitte, werderscher
markt, am außenamt, u. die straßen zogen mich weiter, ich

war nur immer zum gehen verdammt. einmal, da lebte noch
meine mutter u. wir spazierten am bahndamm entlang, da
kamen die alten gedanken wieder u. gingen mir ständig neu

durch den sinn, so daß ich ihr nicht gut zuhören konnte,
aber sie redete so vor sich hin. u. eine krähe rief aus den
zweigen zu einer anderen krähe im gras, was meine mutter

nicht gerne hörte, denn es erinnerte sie an was. drüben sehen
wir wieder die schatten, riesenhaft huschen sie an der wand
u. ich kann die unruhe spüren u. ich brauche jetzt deine hand.



Aus Totentanz:
der mensch
der mensch ist ein soziales wesen, brachte mein
vater einmal hervor, wahrscheinlich ist es nicht
von ihm gewesen, ich habe es nur so bis heute
im ohr. u. mir fällt ein, wie er als knabe einmal
mit einem freund, als er ihn noch besaß, bis fast
zum mühlenbusch wohl mit den rädern fuhr. doch
dieser drehte plötzlich halben weges um u. war
verabredet mit einem mädchen, da wurde es unter
den freunden stumm. ich glaube nicht, daß er mir
das erzählte, vielleicht im mühlenbusch, als wir
im auto fuhren, trug es mir meine späte mutter zu.
übertragung
ostern ist, die mandelbäume blühen .. rom: der stadt, dem
erdkreis einmal noch den segen, so wie es früher immer
schon im fernsehen kam .. nun kann er kaum noch seinen

arm bewegen, er möchte sprechen, doch die zunge lahmt.
sprich nur ein wort: wir wollen auf die übertragung hoffen.
es zoomt die kamera die pein heran, der ganze erdkreis

sieht die marter an, die bringen heute alles, doch er segnet
stumm u. manche frage bleibt für immer offen, so die,
warum die heilige schrift von den zwei jüngern, die nach

emmaus gingen, nur einen, kleophas, mit namen kennt.
der andere will vielleicht nicht gern genannt sein, oder
die zeit zum recherchieren fehlte, u. lukas stand termin-

lich unter druck; die fahnen kamen, u. er konnte froh sein
nicht jeder druckte so ein evangelium .. ich kannte einen
den ich gerne fragte, was er so meinte, wie es sich verhielt

ob blut, ob wasser aus den wunden floß .. ich weiß noch
wie wir an der obererft, einem fast stehenden gewässer
gingen, u. er im gehen mir den sinn der schrift erschloß.
katzenaugen
sie war von der ersten spritze schon hin u. spürte
nichts mehr in der halsschlagader. es hieß die
augen könne man nicht schließen: da legten wir
ihr die pfoten zusammen u. saßen bei ihr, sie war
noch warm. da war fast nichts mehr unter dem fell
schmutzig war es, verklebt, aber hell, da sie sich
endlich streicheln ließ. wir dachten an nächte da
wußte man nie, ob eine katze, ein kindlein schrie:
seltsam wie es zusammentraf, denn um die zeit da
die katze starb, fiel unser kindlein in tiefen schlaf.
ich grub mit dem spaten, die erde ging schwer, bis
daß das loch endlich groß genug wär, da legten wir
unsere katze hinein. es kamen schon fliegen nach
den augen zu sehen. da hab ich das loch wieder
zugemacht, da wurde das kindlein wieder wach.
seltsam wie es zusammentraf. doch nächte gibt es
da wissen wir nie, ob das kindlein, die katze schrie.
alien
kürzlich gewahrte ich den sternenhimmel, lange nicht
gesehen: die tiefe bläue und das starke flimmern.
es war der nördliche der beiden himmel, myriaden
hellster körper, unbegreiflich weit entfernt. u. jenes
schwach leuchtende, schleierige band, seit alters her
die milchstraße genannt, war wirklich sichtbar.
da dachte ich, es war am meer, wie kurios, so lang
ich denken kann, kam doch ein raumschiff nicht
mehr von dort oben her. u. diese kreise, die man in
südengland früher so oft in den kornfeldern fand,
lange, wirklich lange nichts mehr von gehört: zuviel
hat die erde mit sich selbst zu tun. aber letzte nacht
in einem schwall von bildern, ich lag allein im falschen
bett, mein einer körper brannte von beiden seiten,
waren die aliens wieder da. ich fasse nicht, wie kalt
es war. wir mußten weg, in aller eile mußten wir
die sachen packen, aber wohin? wir hingen fest, es war
ja nacht, köln keine stadt mehr, wo wir hingehörten.
ich fasse nicht, wie wir entkommen sind, aber
noch immer sehe ich, mißtrauisch, den sternenhimmel.
septemberlicht
comer see im diesigen licht ich habe nur eine
stunde geschlafen seltsam ich nannte nur
meinen namen die tore der villa öffneten sich ..
er stieg im garten die vielen stufen in einem
alter wo man sonst gern stirbt u. kam zu rande
mit wenig worten u. alle waren sie rheinisch
gefärbt .. es gab meine mutter ihm einmal
die hand u. wusch sie wohl auch erst andern-
tags wieder nach einer wahlnacht er kam
von rhöndorf u. ging wie üblich in mehlem
an land die menschen warteten schon an der
fähre nur daß meine mutter darunter wäre
sie waren sich nicht persönlich bekannt ..
sie hat sich immer daran erinnert u. drehte
wohl auch das radio lauter u. brachte dem alten
morgens die zeitung u. einen ersten kaffee
ans bett denn dem gefiel es daß einer regierte
noch ein jahr älter als er selbst .. merkwürdig
wenn man darüber spricht jetzt funkelt es wieder
über dem wasser ich habe nur eine stunde
geschlafen u. um mich flutet das septemberlicht ..