Georgien 2008

Georgien 2008

Deutsche Dichter (Isolati in Italia)

Pans Stunde bricht während der schwülen sommerlichen Mittagsstille an. Dann ruht der bocksbeinige Gott, und wer ihn stört, den versetzt er in Angst und »panischen« Schrecken.




pans stunde 

da wir nah am getränkemarkt hielten u. mir der ort 
wenig anmutig schien kam mir das wort wieder neu
in den sinn: hier möchte ich auch nicht abgemalt sein.

wir zogen los ein stück querfeldein du mit der kamera
über der schulter hieltest am waldrand um scharf zu
stellen ich sah deine lichtempfindliche haut als sich

der weg durch die bäume wand ehe wir dachten senkte
sich das land unten lag der kossenblatter see u. warf
das mittaglicht das auf ihn traf zurück. ich wies darauf

u. suchte deinen blick wir übten uns in der alten kunst
die dinge um uns wie neu zu benennen am steg der reiher
hielt lang genug still der bussard war über uns unter dem

himmel wir gingen zügig ohne zu halten bestimmten
beide den zitronenfalter u. eine stunde lang war eine
stunde da wo weder du noch ich vorher gewesen war.

mohn

vorhin war fulda. das fahle licht der deckenleuchten 
des großraumwagens spiegelt sich ständig vor mir
im fenster. du schreibst bei dir ist es bedeckt u. kühl

mein herzklopfen stört mich das trübe gefühl schon
auf der hinfahrt flog es mich an draußen die wiesen
viel wald u. die wolken was ich auch sehe es tut mir

nicht gut die alte drangsal in meinem blut. vorgestern
war das wogende grün u. wind im hof wie sich der
baum bewegte ich hörte die warnenden rufe der elster

sie flog mir nach aus einem andern leben da war ein
baum im hof doch eines morgens licht u. eine stimme
von weit her spricht: kassel liegt hinter uns. noch immer

sind es gut zweieinhalb stunden unruhig bin ich u.
älter als du u. rase reglos auf göttingen zu u. sehe
die böschungen rot vor mohn u. kann meine haltlos

rinnende zeit keinem der ziehenden bilder versprechen.
das u. die unerträgliche frist bis du mich nach dem streit
wieder küßt läßt mich bis hildesheim sicher zerbrechen.

monolog

nacht ist es. drüben huschen die schatten, wir liegen wach. 
woher diese innere unruhe stammt, weiß man nicht, oder?
ist es das sonnenlicht mitten im winter, das uns irgendwie

fertig macht? fängt jetzt das herzklopfen wieder an? hörst
du denn noch meine armbanduhr ticken? worüber denkst du
im dunkeln nach? einmal, ich wohnte noch nicht in berlin,

sah ich riesige schwärme krähen über der stadt am himmel
ziehen. ich ging allein durch die leere mitte, werderscher
markt, am außenamt, u. die straßen zogen mich weiter, ich

war nur immer zum gehen verdammt. einmal, da lebte noch
meine mutter u. wir spazierten am bahndamm entlang, da
kamen die alten gedanken wieder u. gingen mir ständig neu

durch den sinn, so daß ich ihr nicht gut zuhören konnte,
aber sie redete so vor sich hin. u. eine krähe rief aus den
zweigen zu einer anderen krähe im gras, was meine mutter

nicht gerne hörte, denn es erinnerte sie an was. drüben sehen
wir wieder die schatten, riesenhaft huschen sie an der wand
u. ich kann die unruhe spüren u. ich brauche jetzt deine hand.



Aus Totentanz:
der mensch
der mensch ist ein soziales wesen, brachte mein
vater einmal hervor, wahrscheinlich ist es nicht
von ihm gewesen, ich habe es nur so bis heute
im ohr. u. mir fällt ein, wie er als knabe einmal
mit einem freund, als er ihn noch besaß, bis fast
zum mühlenbusch wohl mit den rädern fuhr. doch
dieser drehte plötzlich halben weges um u. war
verabredet mit einem mädchen, da wurde es unter
den freunden stumm. ich glaube nicht, daß er mir
das erzählte, vielleicht im mühlenbusch, als wir
im auto fuhren, trug es mir meine späte mutter zu.
übertragung
ostern ist, die mandelbäume blühen .. rom: der stadt, dem
erdkreis einmal noch den segen, so wie es früher immer
schon im fernsehen kam .. nun kann er kaum noch seinen

arm bewegen, er möchte sprechen, doch die zunge lahmt.
sprich nur ein wort: wir wollen auf die übertragung hoffen.
es zoomt die kamera die pein heran, der ganze erdkreis

sieht die marter an, die bringen heute alles, doch er segnet
stumm u. manche frage bleibt für immer offen, so die,
warum die heilige schrift von den zwei jüngern, die nach

emmaus gingen, nur einen, kleophas, mit namen kennt.
der andere will vielleicht nicht gern genannt sein, oder
die zeit zum recherchieren fehlte, u. lukas stand termin-

lich unter druck; die fahnen kamen, u. er konnte froh sein
nicht jeder druckte so ein evangelium .. ich kannte einen
den ich gerne fragte, was er so meinte, wie es sich verhielt

ob blut, ob wasser aus den wunden floß .. ich weiß noch
wie wir an der obererft, einem fast stehenden gewässer
gingen, u. er im gehen mir den sinn der schrift erschloß.
katzenaugen
sie war von der ersten spritze schon hin u. spürte
nichts mehr in der halsschlagader. es hieß die
augen könne man nicht schließen: da legten wir
ihr die pfoten zusammen u. saßen bei ihr, sie war
noch warm. da war fast nichts mehr unter dem fell
schmutzig war es, verklebt, aber hell, da sie sich
endlich streicheln ließ. wir dachten an nächte da
wußte man nie, ob eine katze, ein kindlein schrie:
seltsam wie es zusammentraf, denn um die zeit da
die katze starb, fiel unser kindlein in tiefen schlaf.
ich grub mit dem spaten, die erde ging schwer, bis
daß das loch endlich groß genug wär, da legten wir
unsere katze hinein. es kamen schon fliegen nach
den augen zu sehen. da hab ich das loch wieder
zugemacht, da wurde das kindlein wieder wach.
seltsam wie es zusammentraf. doch nächte gibt es
da wissen wir nie, ob das kindlein, die katze schrie.
alien
kürzlich gewahrte ich den sternenhimmel, lange nicht
gesehen: die tiefe bläue und das starke flimmern.
es war der nördliche der beiden himmel, myriaden
hellster körper, unbegreiflich weit entfernt. u. jenes
schwach leuchtende, schleierige band, seit alters her
die milchstraße genannt, war wirklich sichtbar.
da dachte ich, es war am meer, wie kurios, so lang
ich denken kann, kam doch ein raumschiff nicht
mehr von dort oben her. u. diese kreise, die man in
südengland früher so oft in den kornfeldern fand,
lange, wirklich lange nichts mehr von gehört: zuviel
hat die erde mit sich selbst zu tun. aber letzte nacht
in einem schwall von bildern, ich lag allein im falschen
bett, mein einer körper brannte von beiden seiten,
waren die aliens wieder da. ich fasse nicht, wie kalt
es war. wir mußten weg, in aller eile mußten wir
die sachen packen, aber wohin? wir hingen fest, es war
ja nacht, köln keine stadt mehr, wo wir hingehörten.
ich fasse nicht, wie wir entkommen sind, aber
noch immer sehe ich, mißtrauisch, den sternenhimmel.
septemberlicht
comer see im diesigen licht ich habe nur eine
stunde geschlafen seltsam ich nannte nur
meinen namen die tore der villa öffneten sich ..
er stieg im garten die vielen stufen in einem
alter wo man sonst gern stirbt u. kam zu rande
mit wenig worten u. alle waren sie rheinisch
gefärbt .. es gab meine mutter ihm einmal
die hand u. wusch sie wohl auch erst andern-
tags wieder nach einer wahlnacht er kam
von rhöndorf u. ging wie üblich in mehlem
an land die menschen warteten schon an der
fähre nur daß meine mutter darunter wäre
sie waren sich nicht persönlich bekannt ..
sie hat sich immer daran erinnert u. drehte
wohl auch das radio lauter u. brachte dem alten
morgens die zeitung u. einen ersten kaffee
ans bett denn dem gefiel es daß einer regierte
noch ein jahr älter als er selbst .. merkwürdig
wenn man darüber spricht jetzt funkelt es wieder
über dem wasser ich habe nur eine stunde
geschlafen u. um mich flutet das septemberlicht ..






Nessun commento:

Posta un commento

here we are