Geführt vom sang der leis sich schlang ∙
Dir ward er leicht der ufergang.
Ich sah der höhen dichten rauch
Verjährtes laub und distelstrauch.
Dein auge schweift schon träumerisch
Auf eine erde gabenfrisch ∙
Denn dein gedanke flattert fort
Voraus zu einem sichern hort.
Ich frage noch: wer kommt wenn sanft
Die gelbe primel nickt am ranft
Und sich das wasser grün umschilft
Der mir den mai beginnen hilft?
Im Frühjahr 2012, Ende Februar, als ich
in einem Winkel der Schweiz in der Nähe der Grenze zu Frankreich den fernen
Mont Blanc sah und es anderntags zu tauen begann, wurde ich auf einem
Spaziergang erstmals auf eine gelbe Primel hingewiesen, die am Ufer eines
kleinen, vom Schmelzwasser belebten Baches eben aufgebrochen war. Ich hatte nie
zuvor eine gelbe Primel bewusst angesehen. Sie wuchs da, mehre Handbreit von
mir entfernt. Für mich war die Primel bis dahin eine Blume in einem Gedicht von
Stefan George, die ich immer genau vor mir sah, und doch konnte ich nun nicht
sagen, inwiefern ihr Bild der wirklichen Blume am Ufer glich. Im Gedicht war
sie womöglich plastischer als in der Begegnung, vielleicht, weil sie dort etwas
ganz Einfaches tut, das wohl zu einer Pflanze gehört, die vom Wind bewegt wird,
das aber auch Menschen tun können – nicken nämlich, vielleicht mir zunicken. Es
war noch Winter und lange vor der Zeit, in der sich das Wasser grün umschilft
und der Mai die Frage drängend macht, ob man allein ist oder nicht.
Das Gedicht Geführt
vom sang, in dem die gelbe Primel nickt, steht in den Traurigen Tänzen im Jahr der
Seele und ist mir seit langem eines der schönsten und liebsten Gedichte
Stefan Georges, weil ich mich darin aufgehoben fühle, Vers für Vers, und man
muss weiter gar nichts dazu sagen, sondern kann es immer wieder lesen, still
für sich, oder es laut lesen und anderen mitteilen, hersagen, wie man das im George-Kreis nannte und tat. Lasse ich
mich aber darauf ein, darüber zu sprechen, dann ist die Grenze schwer zu
ziehen, weil ich nicht nur meine Sicht Georges, sondern eine ganze Poetik daran
aufhängen könnte. Schon der erste Vers gibt ja ein Rätsel auf: von welcher Art
der Sang sein mag, der hier, sich leise schlingend, ein Ich und ein Du auf
einer Wanderung begleitet. Bleiben wir aber erst einmal empirisch. Wie viele
andere Gedichte der 1890er Jahre lässt sich dieses Gedicht
entstehungsgeschichtlich der Freundschaft Stefan Georges zu Ida Coblenz
zuordnen. Wenn man die Binger Gegend kennt, fällt es nicht schwer, sich die
beiden vorzustellen, wie sie am Ufer der Nahe gehen, zuerst die Drususbrücke
noch im Blick, und dann auf schmalen, nicht ganz ausgetretenen Pfaden in die
Höhe steigen, während es noch ganz früh im Jahr ist, vermutlich Februar: das
verjährte, vom Wind nicht abgerissene Laub hängt noch in den Zweigen, Knospen
oder Kätzchen sind noch nicht zu sehen, nicht einmal „Die einzigen frühen / Die
hasel blühen“, wie in einem der Lieder des
Siebenten Rings der Beginn des frühen
Frühjahrs bestimmt wird. Alles, was der Frühling bringen wird, ist Sache des
Glaubens, dass es wieder so sein wird, dem tristen Augenschein zum Trotz. Und
hier tut sich der Riss auf zwischen dem Ich und dem Du: dem einen ist die
Zuversicht und das Vorausdenken ein Leichtes, der andere hängt an den düsteren
Bildern des Tages und ist nicht imstande, sie imaginär zu überschreiten. Es
liegt ja dichter Rauch auf den Höhen; keinmal kommt an diesem Tag die Sonne
durch. Es ist eine Wand da, die auch durch das vertraute Gespräch nicht
beseitigt werden kann. Eine Wand, wie sie in Marlen Haushofers gleichnamigem Roman
die Isolation des Subjekts total macht, die umso schmerzlicher ist, weil die
umgebende Natur so schön ist, dass sie den Wunsch nährt, in ihr nicht allein zu
sein. Man möchte sie dem andern zeigen, weil dem Erlebnis sonst der Sinn fehlt.
Mit einem anderen Menschen durch die Natur zu gehen, besonders einem, den man
liebt, gehört ja zu den beglückendsten und gefährlichsten Erfahrungen
überhaupt. Es ist immer eine Erinnerung an das Paradies und wie man daraus
vertrieben werden kann. Wenn beide eines Sinnes sind, ist der Ufergang leicht,
ist der kahle Distelstrauch schon vor der Zeit vom vorgestellten Blühen
überwuchert, dann ist es, als sehe man Baum und Blume mit den Augen des andern.
Liegt aber eine Störung vor, wird einer von innen überschattet, gibt es keinen
Baum, keine Blume mehr – die Welt zerbricht, weil sie nicht geteilt werden
kann.
Von einer solchen gefährlichen Erfahrung erzählt
ein oft zitierter Bericht von Sabine Lepsius über einen Gang mit Stefan George.
„Wir unternahmen zu zweien einen Spaziergang auf den Herrgottsberg. Die
Gespräche sind meiner Erinnerung völlig entfallen, weil ein anderer stärkerer
Eindruck als Worte mich packte, der unvergessen blieb: ich hatte Stefan George
noch niemals in der Natur erlebt, in der ich nun in völliger Einsamkeit mit ihm
wandelte. Eine plötzliche, unheimliche, ich möchte fast sagen böse Wirkung ging
von ihm aus, die ihn mich als unmenschlich empfinden ließ. Müdigkeit
vorschützend drängte ich zum Rückweg, weil Furcht mich erregte und von ihm
forttrieb. Er gehörte nicht zu dieser idyllischen Natur. Der gelbe Ginster, der
in Blüte stand und einen Hügel wie vergoldet erscheinen ließ, entzückte mich
und ich sah fragend nach dem Freunde, der unbekümmert um die Herrlichkeit des
Sommers, wie ein gefährlicher Dämon neben mir herging. Für ihn gab es kein
Idyll. Ich hörte nicht den Aufschrei des Städters, wenn er die Mauern hinter sich
läßt, in seinem Herzen: im Hornungschein geboren, mochten grausame Mächte in
seinem Innern hausen.“
Diese Schilderung sagt viel über Stefan
George, aber auch über Sabine Lepsius. Zunächst ist erstaunlich, dass sie den
Geburtstag des Dichters, den sie doch gut kannte, vom Juni in den Februar verlegt,
der mit dem germanischen Wort Hornung hieß – die Schlussverse aus dem Gedicht Die Fremde aus dem Teppich des Lebens werden zu dieser Verwechslung den Anlass gegeben
haben: „Sie liess das knäblein nur als pfand / So schwarz wie nacht so bleich
wie lein / Das sie gebar im hornungschein.“ Schwarz und bleich wie dieses von
der Mutter verlassene Kind, aber eben auch wie ein Vampir, mag ihr George in
der Stunde erschienen sein, da sie in unüberbrückbarer Distanz den Spaziergang
auf den bei Darmstadt gelegenen Herrgottsberg unternahmen. Ganz deutlich ist,
dass Sabine Lepsius zu den „grausamen Mächten“ im Innern des Freundes keinen
Zugang hatte. Der Dämon der Melancholie war ihr fremd und diese Fremdheit
ängstigte sie. Heute würden wir sagen: Sie kannte eben selber keine Depressionen.
So zog sie aus dem Erlebnis falsche Schlüsse, indem sie in der melancholischen
Verdüsterung eine generelle Naturferne des Dichters wahrzunehmen dachte.
Stefan Georges Verhältnis zur Natur war
nun gewiss kein „idyllisches“, eine aus grauer Städte Mauern schwärmende
Neoromantik, wie sie bei Lepsius anklingt, ging weit an ihm vorbei. Und doch
ist sein Werk von Bildern der Natur, besonders der Pflanzenwelt, durchzogen,
sein ganz bildhaftes Verhältnis zur Landschaft seiner Kindheit, den
schilfbewachsenen Uferzonen der Nahe und des Rheins, zu den in der Sonne
dorrenden Weinbergen, der Arbeit der Winzer und den Erscheinungen des
Jahreslaufs ist für sein Schreiben elementar. Das zeigt immer aufs Neue die
anschauliche Kraft seiner Bilder, durch bloße Nennung oder in der einfachsten
Form der Charakterisierung, durch Adjektiv und Verb – die gelbe Primel nickt am
Ranft, so dass man sie sehen und anfassen kann. In Georges Bildern wirkt, bei
aller Stilisierung, der er seine Verse unterwarf, eine Unmittelbarkeit ersten
Sehens fort, ein Urzustand, der sich dem Sehen des Kindes verdankt und der im
späteren Leben nur augenblickshaft wieder eingeholt werden kann: „Von welchen
wundern lacht die morgen-erde / Als wär ihr erster tag? Erstauntes singen / Von
neuerwachten welten trägt der wind / Verändert sieht der alten berge form / Und
wie im kindheit-garten schaukeln blüten ..“ lautet eine Epiphanie aus dem Stern des Bundes.
Das Glücken solcher Epiphanien ist in
Georges Dichtung an die Gegenwart eines geliebten Menschen gebunden; dem
Einsamen gelingt es nicht. Im Jahr der
Seele, Georges nicht nur bekanntestem, sondern auch melancholischstem
Gedichtbuch, ist solches Gelingen nur
im Zyklus Sieg des Sommers zu
besichtigen; die übrigen Zyklen sind getragen von der großen Vergeblichkeit,
wenn es auch immer wieder Momente des Durchbruchs zur Weltaneignung durch das
überraschende, primäre Bild gibt, wie in den Versen vom totgesagten Park: Der reinen wolken unverhofftes blau /
Erhellt die weiher und die bunten pfade. Aber dann breitet sich ein
Klangteppich der Trauer aus, während die Erscheinungen erst der herbstlichen,
dann der winterlichen Natur, zu strengen Versgruppen geordnet, vor dem inneren
Auge defilieren. Gebrochen durch den zersplitterten Spiegel der melancholischen
Erkenntnis, die die Welt nur hinter der großen Trennwand wahrnehmen kann,
klinisch eben. Wer aber jeweils der Träger der Depression ist und wer neben ihm
als Helfer und Tröster ersehnt oder auch vermisst wird, das ist zwischen dem
Ich und Du dieser Gedichte im Fluss. So liegt in dem Gedicht Ich lehre dich den sanften reiz des zimmers aus
der Reihe Waller im Schnee, das
einmal kein Natur-, sondern ein Interieurgedicht ist, die Betrübnis auf Seiten
des Du und der Sprecher möchte diesen traurigen Menschen an die Hand nehmen,
aber vergebens: „So oft ich zagend mich zum vorhang kehre: / Du sitzest noch
wie anfangs in gedanken / Dein auge hängt noch immer an der leere / Dein
schatten kreuzt des teppichs selbe ranken.“ Hier geht der Versuch des Zeigens
fehl, weil alles gute Reden dem anderen kein Licht entzünden kann.
Das ist die Stimmung, die in den Traurigen Tänzen in immer neuen
Figuration vorgeführt wird. In Geführt
vom sang sind die oben benannten Rollen vertauscht. Auf dem gemeinsam
begonnenen Ufergang schreitet das Du kräftig aus und wiegt sich bereits im
Hochgefühl der kommenden schönen Jahreszeit, die Blüten und später Früchte
bringen wird, aber das Ich kommt mit Denken, Sehen und Fühlen einfach nicht
hinterher. Der ungleiche Gang der beiden Wandernden in den ersten beiden
Strophen führt in wachsende Distanz und mündet in die große Frage der dritten
Strophe, die im gefasst geäußerten Schrecken die Leere, die sich vor dem
Sprecher auftut, überblickt: „Ich frage noch: wer kommt wenn sanft / Die gelbe
primel nicht am ranft / Und sich das wasser grün umschilft / Der mir den mai
beginnen hilft?“
Es war noch Februar, aber der Dichter
hat in den Bildern dieser Strophe wie im Zeitraffer die kommenden Wochen des
Jahrs der Seele nach dem Ende des Winters überflogen, so auch meiner; und ich dachte
an das, was Georg Lukács vor hundert Jahren über George schrieb: „Seine
Landschaften sind nirgends vorhanden, und doch ist jeder Baum und jede Blume
konkret in ihnen, und ihr Himmel leuchtet in den einzigen, nie wiederkommenden
Farben einer ganz bestimmten Stunde. Wir kennen den Menschen nicht, der durch
die Gegend geht, sehen doch in einem Augenblick wohl tausend winzige
Schwingungen in seinem innersten Wesen, um ihn gleich darauf nicht mehr und
dann nie mehr zu sehen; wir wissen nicht, wen er lieb hat, wissen nicht, warum
er leidet und warum er plötzlich aufjauchzt, und doch erkennen wir ihn besser
in diesem Augenblick, als wenn wir alles wüssten, was er erlebt hat.“
Stefan George hat bekanntlich die
geplante Widmung des Jahrs der Seele an
Ida Coblenz zurückgezogen. In der Vorrede zur zweiten Ausgabe sucht er die
Spuren einer gemeinsam verbrachten Zeit zu verwischen, die doch ganz deutlich
seinem Buch eingeschrieben sind. Man solle sich doch nicht, so lesen wir,
„unweise an das menschliche oder landschaftliche urbild“ hinter den Gedichten
kehren, denn dieses habe „durch die kunst solche umformung erfahren dass es dem
schöpfer selber unbedeutend wurde“, und er schließt: „selten sind sosehr wie in
diesem buch ich und du die selbe seele.“ Im Versuch der rhetorischen
Auslöschung klingt aber die utopische Sehnsucht fort, mit dem anderen seelisch
zu verschmelzen, eines Sinnes zu sein. Das anrührendste, im Auspendeln
seelischer Nuancen vielsagendste Wort der dritten Strophe ist dabei das
unscheinbare noch. Es ist ja wie dem
Andern nachgerufen, der es kaum noch
hört, weil er schon so weit voraus ist, so dass die Frage ganz beim Frager
bleibt, der Hall der Stimme nicht mehr bis zum Andern trägt, sondern geschluckt
wird vom eigenen Atem. Hier aber kehrt das Gedicht an seinen Ausgang zurück,
der so schön wie rätselhaft erschien: geführt vom Sang, der wohl zuerst das
Gespräch war oder ein Lied, der Ruf eines Vogels oder das Rauschen von Fluss
oder Wind, nun aber der Klang der eigenen Stimme ist, kann der Gang zum Ufer
angetreten werden, mit dem Gedicht als dem einzigen Freund.
Auf instruktive Weise hat Gottfried
Benn, der es in seiner „Rede auf Stefan George“ zitiert, dieses Gedicht falsch
verstanden. Er schreibt: „Von Walther
von der Vogelweide bis zur Barocklyrik könnten solche Schlussverse stehen. (
...) Fast einfältige Reime grenzen das Ich an seinem sichern Hort ab.“ An
seinem sichern Hort ist hier aber nicht „das sich umgrenzende Ich“, sondern das
ihm enteilende Du angelangt, während das Ich mit seiner Frage allein bleibt.
Solche grundlegenden Dispositionen konnten einem Benn, bei dem das Du fast
durchweg eine Figur der Selbstansprache ist, einmal verrutschen; einem George
jedoch nicht, für den das Du immer ein echtes Gegenüber meint, zu dem die
Brücke entweder bestehen oder einbrechen kann – in den erzieherischen Gedichten
der späteren Zeit hat er sie mit Willen und manchmal mit Gewalt zu betonieren
versucht. Das ist oft bemerkt worden, nimmt aber nichts weg vom bestürzend
schönen Kern seines Werkes, der auf dem schwindlig schmalen Grat zwischen dem
geteilten Glück und dem Absturz in die radikal vereinzelnde Melancholie gebaut
ist.
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