Georgien 2008

Georgien 2008

Geführt vom sang der leis sich schlang ∙ [..] - dal quotidiano tedesco svizzero anni orsono








Geführt vom sang der leis sich schlang
Dir ward er leicht der ufergang.
Ich sah der höhen dichten rauch
Verjährtes laub und distelstrauch.

Dein auge schweift schon träumerisch
Auf eine erde gabenfrisch
Denn dein gedanke flattert fort
Voraus zu einem sichern hort.

Ich frage noch: wer kommt wenn sanft
Die gelbe primel nickt am ranft
Und sich das wasser grün umschilft
Der mir den mai beginnen hilft?



Im Frühjahr 2012, Ende Februar, als ich in einem Winkel der Schweiz in der Nähe der Grenze zu Frankreich den fernen Mont Blanc sah und es anderntags zu tauen begann, wurde ich auf einem Spaziergang erstmals auf eine gelbe Primel hingewiesen, die am Ufer eines kleinen, vom Schmelzwasser belebten Baches eben aufgebrochen war. Ich hatte nie zuvor eine gelbe Primel bewusst angesehen. Sie wuchs da, mehre Handbreit von mir entfernt. Für mich war die Primel bis dahin eine Blume in einem Gedicht von Stefan George, die ich immer genau vor mir sah, und doch konnte ich nun nicht sagen, inwiefern ihr Bild der wirklichen Blume am Ufer glich. Im Gedicht war sie womöglich plastischer als in der Begegnung, vielleicht, weil sie dort etwas ganz Einfaches tut, das wohl zu einer Pflanze gehört, die vom Wind bewegt wird, das aber auch Menschen tun können – nicken nämlich, vielleicht mir zunicken. Es war noch Winter und lange vor der Zeit, in der sich das Wasser grün umschilft und der Mai die Frage drängend macht, ob man allein ist oder nicht.

Das Gedicht Geführt vom sang, in dem die gelbe Primel nickt, steht in den Traurigen Tänzen im Jahr der Seele und ist mir seit langem eines der schönsten und liebsten Gedichte Stefan Georges, weil ich mich darin aufgehoben fühle, Vers für Vers, und man muss weiter gar nichts dazu sagen, sondern kann es immer wieder lesen, still für sich, oder es laut lesen und anderen mitteilen, hersagen, wie man das im George-Kreis nannte und tat. Lasse ich mich aber darauf ein, darüber zu sprechen, dann ist die Grenze schwer zu ziehen, weil ich nicht nur meine Sicht Georges, sondern eine ganze Poetik daran aufhängen könnte. Schon der erste Vers gibt ja ein Rätsel auf: von welcher Art der Sang sein mag, der hier, sich leise schlingend, ein Ich und ein Du auf einer Wanderung begleitet. Bleiben wir aber erst einmal empirisch. Wie viele andere Gedichte der 1890er Jahre lässt sich dieses Gedicht entstehungsgeschichtlich der Freundschaft Stefan Georges zu Ida Coblenz zuordnen. Wenn man die Binger Gegend kennt, fällt es nicht schwer, sich die beiden vorzustellen, wie sie am Ufer der Nahe gehen, zuerst die Drususbrücke noch im Blick, und dann auf schmalen, nicht ganz ausgetretenen Pfaden in die Höhe steigen, während es noch ganz früh im Jahr ist, vermutlich Februar: das verjährte, vom Wind nicht abgerissene Laub hängt noch in den Zweigen, Knospen oder Kätzchen sind noch nicht zu sehen, nicht einmal „Die einzigen frühen / Die hasel blühen“, wie in einem der Lieder des Siebenten Rings der Beginn des frühen Frühjahrs bestimmt wird. Alles, was der Frühling bringen wird, ist Sache des Glaubens, dass es wieder so sein wird, dem tristen Augenschein zum Trotz. Und hier tut sich der Riss auf zwischen dem Ich und dem Du: dem einen ist die Zuversicht und das Vorausdenken ein Leichtes, der andere hängt an den düsteren Bildern des Tages und ist nicht imstande, sie imaginär zu überschreiten. Es liegt ja dichter Rauch auf den Höhen; keinmal kommt an diesem Tag die Sonne durch. Es ist eine Wand da, die auch durch das vertraute Gespräch nicht beseitigt werden kann. Eine Wand, wie sie in Marlen Haushofers gleichnamigem Roman die Isolation des Subjekts total macht, die umso schmerzlicher ist, weil die umgebende Natur so schön ist, dass sie den Wunsch nährt, in ihr nicht allein zu sein. Man möchte sie dem andern zeigen, weil dem Erlebnis sonst der Sinn fehlt. Mit einem anderen Menschen durch die Natur zu gehen, besonders einem, den man liebt, gehört ja zu den beglückendsten und gefährlichsten Erfahrungen überhaupt. Es ist immer eine Erinnerung an das Paradies und wie man daraus vertrieben werden kann. Wenn beide eines Sinnes sind, ist der Ufergang leicht, ist der kahle Distelstrauch schon vor der Zeit vom vorgestellten Blühen überwuchert, dann ist es, als sehe man Baum und Blume mit den Augen des andern. Liegt aber eine Störung vor, wird einer von innen überschattet, gibt es keinen Baum, keine Blume mehr – die Welt zerbricht, weil sie nicht geteilt werden kann.

Von einer solchen gefährlichen Erfahrung erzählt ein oft zitierter Bericht von Sabine Lepsius über einen Gang mit Stefan George. „Wir unternahmen zu zweien einen Spaziergang auf den Herrgottsberg. Die Gespräche sind meiner Erinnerung völlig entfallen, weil ein anderer stärkerer Eindruck als Worte mich packte, der unvergessen blieb: ich hatte Stefan George noch niemals in der Natur erlebt, in der ich nun in völliger Einsamkeit mit ihm wandelte. Eine plötzliche, unheimliche, ich möchte fast sagen böse Wirkung ging von ihm aus, die ihn mich als unmenschlich empfinden ließ. Müdigkeit vorschützend drängte ich zum Rückweg, weil Furcht mich erregte und von ihm forttrieb. Er gehörte nicht zu dieser idyllischen Natur. Der gelbe Ginster, der in Blüte stand und einen Hügel wie vergoldet erscheinen ließ, entzückte mich und ich sah fragend nach dem Freunde, der unbekümmert um die Herrlichkeit des Sommers, wie ein gefährlicher Dämon neben mir herging. Für ihn gab es kein Idyll. Ich hörte nicht den Aufschrei des Städters, wenn er die Mauern hinter sich läßt, in seinem Herzen: im Hornungschein geboren, mochten grausame Mächte in seinem Innern hausen.“

Diese Schilderung sagt viel über Stefan George, aber auch über Sabine Lepsius. Zunächst ist erstaunlich, dass sie den Geburtstag des Dichters, den sie doch gut kannte, vom Juni in den Februar verlegt, der mit dem germanischen Wort Hornung hieß – die Schlussverse aus dem Gedicht Die Fremde aus dem Teppich des Lebens werden zu dieser Verwechslung den Anlass gegeben haben: „Sie liess das knäblein nur als pfand / So schwarz wie nacht so bleich wie lein / Das sie gebar im hornungschein.“ Schwarz und bleich wie dieses von der Mutter verlassene Kind, aber eben auch wie ein Vampir, mag ihr George in der Stunde erschienen sein, da sie in unüberbrückbarer Distanz den Spaziergang auf den bei Darmstadt gelegenen Herrgottsberg unternahmen. Ganz deutlich ist, dass Sabine Lepsius zu den „grausamen Mächten“ im Innern des Freundes keinen Zugang hatte. Der Dämon der Melancholie war ihr fremd und diese Fremdheit ängstigte sie. Heute würden wir sagen: Sie kannte eben selber keine Depressionen. So zog sie aus dem Erlebnis falsche Schlüsse, indem sie in der melancholischen Verdüsterung eine generelle Naturferne des Dichters wahrzunehmen dachte.

Stefan Georges Verhältnis zur Natur war nun gewiss kein „idyllisches“, eine aus grauer Städte Mauern schwärmende Neoromantik, wie sie bei Lepsius anklingt, ging weit an ihm vorbei. Und doch ist sein Werk von Bildern der Natur, besonders der Pflanzenwelt, durchzogen, sein ganz bildhaftes Verhältnis zur Landschaft seiner Kindheit, den schilfbewachsenen Uferzonen der Nahe und des Rheins, zu den in der Sonne dorrenden Weinbergen, der Arbeit der Winzer und den Erscheinungen des Jahreslaufs ist für sein Schreiben elementar. Das zeigt immer aufs Neue die anschauliche Kraft seiner Bilder, durch bloße Nennung oder in der einfachsten Form der Charakterisierung, durch Adjektiv und Verb – die gelbe Primel nickt am Ranft, so dass man sie sehen und anfassen kann. In Georges Bildern wirkt, bei aller Stilisierung, der er seine Verse unterwarf, eine Unmittelbarkeit ersten Sehens fort, ein Urzustand, der sich dem Sehen des Kindes verdankt und der im späteren Leben nur augenblickshaft wieder eingeholt werden kann: „Von welchen wundern lacht die morgen-erde / Als wär ihr erster tag? Erstauntes singen / Von neuerwachten welten trägt der wind / Verändert sieht der alten berge form / Und wie im kindheit-garten schaukeln blüten ..“ lautet eine Epiphanie aus dem Stern des Bundes.

Das Glücken solcher Epiphanien ist in Georges Dichtung an die Gegenwart eines geliebten Menschen gebunden; dem Einsamen gelingt es nicht. Im Jahr der Seele, Georges nicht nur bekanntestem, sondern auch melancholischstem Gedichtbuch, ist solches Gelingen nur im Zyklus Sieg des Sommers zu besichtigen; die übrigen Zyklen sind getragen von der großen Vergeblichkeit, wenn es auch immer wieder Momente des Durchbruchs zur Weltaneignung durch das überraschende, primäre Bild gibt, wie in den Versen vom totgesagten Park: Der reinen wolken unverhofftes blau / Erhellt die weiher und die bunten pfade. Aber dann breitet sich ein Klangteppich der Trauer aus, während die Erscheinungen erst der herbstlichen, dann der winterlichen Natur, zu strengen Versgruppen geordnet, vor dem inneren Auge defilieren. Gebrochen durch den zersplitterten Spiegel der melancholischen Erkenntnis, die die Welt nur hinter der großen Trennwand wahrnehmen kann, klinisch eben. Wer aber jeweils der Träger der Depression ist und wer neben ihm als Helfer und Tröster ersehnt oder auch vermisst wird, das ist zwischen dem Ich und Du dieser Gedichte im Fluss. So liegt in dem Gedicht Ich lehre dich den sanften reiz des zimmers aus der Reihe Waller im Schnee, das einmal kein Natur-, sondern ein Interieurgedicht ist, die Betrübnis auf Seiten des Du und der Sprecher möchte diesen traurigen Menschen an die Hand nehmen, aber vergebens: „So oft ich zagend mich zum vorhang kehre: / Du sitzest noch wie anfangs in gedanken / Dein auge hängt noch immer an der leere / Dein schatten kreuzt des teppichs selbe ranken.“ Hier geht der Versuch des Zeigens fehl, weil alles gute Reden dem anderen kein Licht entzünden kann.

Das ist die Stimmung, die in den Traurigen Tänzen in immer neuen Figuration vorgeführt wird. In Geführt vom sang sind die oben benannten Rollen vertauscht. Auf dem gemeinsam begonnenen Ufergang schreitet das Du kräftig aus und wiegt sich bereits im Hochgefühl der kommenden schönen Jahreszeit, die Blüten und später Früchte bringen wird, aber das Ich kommt mit Denken, Sehen und Fühlen einfach nicht hinterher. Der ungleiche Gang der beiden Wandernden in den ersten beiden Strophen führt in wachsende Distanz und mündet in die große Frage der dritten Strophe, die im gefasst geäußerten Schrecken die Leere, die sich vor dem Sprecher auftut, überblickt: „Ich frage noch: wer kommt wenn sanft / Die gelbe primel nicht am ranft / Und sich das wasser grün umschilft / Der mir den mai beginnen hilft?“

Es war noch Februar, aber der Dichter hat in den Bildern dieser Strophe wie im Zeitraffer die kommenden Wochen des Jahrs der Seele nach dem Ende des Winters überflogen, so auch meiner; und ich dachte an das, was Georg Lukács vor hundert Jahren über George schrieb: „Seine Landschaften sind nirgends vorhanden, und doch ist jeder Baum und jede Blume konkret in ihnen, und ihr Himmel leuchtet in den einzigen, nie wieder­kommenden Farben einer ganz bestimmten Stunde. Wir kennen den Menschen nicht, der durch die Ge­gend geht, sehen doch in einem Augenblick wohl tausend winzige Schwingungen in seinem innersten Wesen, um ihn gleich darauf nicht mehr und dann nie mehr zu sehen; wir wissen nicht, wen er lieb hat, wissen nicht, warum er leidet und warum er plötzlich aufjauchzt, und doch erkennen wir ihn besser in diesem Augenblick, als wenn wir alles wüssten, was er erlebt hat.“

Stefan George hat bekanntlich die geplante Widmung des Jahrs der Seele an Ida Coblenz zurückgezogen. In der Vorrede zur zweiten Ausgabe sucht er die Spuren einer gemeinsam verbrachten Zeit zu verwischen, die doch ganz deutlich seinem Buch eingeschrieben sind. Man solle sich doch nicht, so lesen wir, „unweise an das menschliche oder landschaftliche urbild“ hinter den Gedichten kehren, denn dieses habe „durch die kunst solche umformung erfahren dass es dem schöpfer selber unbedeutend wurde“, und er schließt: „selten sind sosehr wie in diesem buch ich und du die selbe seele.“ Im Versuch der rhetorischen Auslöschung klingt aber die utopische Sehnsucht fort, mit dem anderen seelisch zu verschmelzen, eines Sinnes zu sein. Das anrührendste, im Auspendeln seelischer Nuancen vielsagendste Wort der dritten Strophe ist dabei das unscheinbare noch. Es ist ja wie dem Andern nachgerufen, der es kaum noch hört, weil er schon so weit voraus ist, so dass die Frage ganz beim Frager bleibt, der Hall der Stimme nicht mehr bis zum Andern trägt, sondern geschluckt wird vom eigenen Atem. Hier aber kehrt das Gedicht an seinen Ausgang zurück, der so schön wie rätselhaft erschien: geführt vom Sang, der wohl zuerst das Gespräch war oder ein Lied, der Ruf eines Vogels oder das Rauschen von Fluss oder Wind, nun aber der Klang der eigenen Stimme ist, kann der Gang zum Ufer angetreten werden, mit dem Gedicht als dem einzigen Freund.

Auf instruktive Weise hat Gottfried Benn, der es in seiner „Rede auf Stefan George“ zitiert, dieses Gedicht falsch verstanden. Er  schreibt: „Von Walther von der Vogelweide bis zur Barocklyrik könnten solche Schlussverse stehen. ( ...) Fast einfältige Reime grenzen das Ich an seinem sichern Hort ab.“ An seinem sichern Hort ist hier aber nicht „das sich umgrenzende Ich“, sondern das ihm enteilende Du angelangt, während das Ich mit seiner Frage allein bleibt. Solche grundlegenden Dispositionen konnten einem Benn, bei dem das Du fast durchweg eine Figur der Selbstansprache ist, einmal verrutschen; einem George jedoch nicht, für den das Du immer ein echtes Gegenüber meint, zu dem die Brücke entweder bestehen oder einbrechen kann – in den erzieherischen Gedichten der späteren Zeit hat er sie mit Willen und manchmal mit Gewalt zu betonieren versucht. Das ist oft bemerkt worden, nimmt aber nichts weg vom bestürzend schönen Kern seines Werkes, der auf dem schwindlig schmalen Grat zwischen dem geteilten Glück und dem Absturz in die radikal vereinzelnde Melancholie gebaut ist.











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